Wohnen sollte Grundbedürfnisse abdecken

Text: Tania Lienhard

Simone Rauch ist 53-jährig und wohnt in Zürich. Sie studierte zwei Semester Architektur und wechselte – beeinflusst durch ihr Interesse an der Wohnsoziologie – zu einem Psychologiestudium an der Uni Zürich mit anschliessender Psychotherapieausbildung. Mit der Wohnpsychologie verbindet sie nun beide Interessensgebiete miteinander.

Simone Rauch ist Wohnpsychologin. Die Zürcherin erzählt im ­Interview, was eine wohnpsycho­logische Beratung eigentlich ist und wie sie zu diesem Beruf gekommen ist.

Simone Rauch, wie sind Sie zu Ihrer ­Tätigkeit im Bereich ­Wohnpsychologie gekommen?

Als Psychologin und Psychotherapeutin weiss ich, dass verschiedene Faktoren mitspielen, wenn es Menschen psychisch nicht gut geht. Deswegen frage ich Patient*innen immer auch nach ihrer Wohnsituation. Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, dass die Art und Weise, wie sie wohnen, ihr Wohlbefinden sehr stark beeinflussen kann. In meiner täglichen psychologischen Beratungsarbeit mache ich regelmässig die Erfahrung, dass wohnpsychologische Aspekte viele Emotionen in den Menschen auslösen können. Deswegen bildete ich mich auf diesem Gebiet weiter. Allerdings war es ziemlich schwierig, etwas Passendes in der Schweiz zu finden, weswegen ich eine interdisziplinäre Weiterbildung in Österreich absolvierte. Es gibt kaum Ausbildungsangebote und dementsprechend wenig Wohnpsycholog*innen im deutschsprachigen Raum. Seit knapp zehn Jahren bessert sich die Situation langsam.

Sie sprechen von ­Interdisziplinarität. Welche Teilgebiete umfasst die ­Wohnpsychologie?

Viele! Wohnpsychologie ist genauso interessant für Architekt*innen wie für Psycholog*innen. Auch aus der Neurowissenschaft fliessen Forschungsergebnisse ein. Die Soziologie und die Wohnbautheorie beschäftigen sich auch damit und, und, und … Viele Faktoren fliessen in die Wohnpsychologie mit ein.

Um eine wohnpsychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, muss man nicht zwingend eine psychische Erkrankung haben, oder?

Auf keinen Fall! Es gibt die beiden Aspekte in meinem Beruf: Zum einen behandle ich Patient*innen mit einer psychischen Erkrankung und greife dabei auf verschiedene Disziplinen der Psychologie zurück, je nachdem, was jemand braucht. Wohnpsychologie ist ein Teil davon. Zum anderen berate ich Menschen, die zum Beispiel eine Familie gründen und ein Haus bauen wollen, und finde gemeinsam mit ihnen heraus, worauf sie achten sollten beim Bau, der Einrichtung und Gestaltung des Hauses oder der Wohnung. Damit sie sich möglichst wohlfühlen.

Wohnpsychologie als Teil einer Therapie auf der einen und als neutrale Beratung auf der anderen Seite?

Ja, genau! Es geht dabei aber immer um dasselbe Ziel: herauszufinden, welches die Bedürfnisse sind und wie diese am besten umgesetzt werden.

Wie kann jemand seine Wohnbedürfnisse herausfinden?

Wir Menschen haben Grundbedürfnisse, die uns seit Jahrtausenden oder sogar seit Beginn der Menschheitsgeschichte prägen. Schutz ist zum Beispiel eines davon. Manche fühlen sich ausgestellt, wenn ihre Wohnung grosse Fenster hat, wiederum andere fühlen sich nur dann gut, weil sie so die Aussenwelt im Blick haben. Neben den Grundbedürfnissen ist die eigene Geschichte in Bezug aufs Wohnen ebenfalls wichtig. Wer tolle Erinnerungen an seine Kindheit und die Eckbank bei den Grosseltern hat, könnte als Erwachsene*r ebenfalls eine Eckbank bei sich einbauen – oder halt eine moderne Variante davon. Die Inneneinrichtung sollte auf jeden Fall Bezug zum eigenen Charakter haben.

Worauf sollte man also besonders ­achten, wenn man neu in eine Wohnung zieht?

Es ist sehr wichtig, nicht einfach mit dem Trend zu gehen, sondern auf sich selber zu hören. Es gibt Menschen, die wohnen supermodern mit einer trendigen Einrichtung, fühlen sich aber nicht wohl. Sie haben nur darauf geachtet, was dem Besuch gefällt. Das heisst nicht, dass moderne Wohnungsschnitte und trendiges Einrichten schlecht sind. Aber es ist wichtig, in sich hineinzuhorchen. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen: Offene Wohnungen mit Küchen mitten im Wohnzimmer sehen zwar toll aus. Aber die Rückzugsorte sind bei solchen Räumen bescheiden. Jemand möchte zum Beispiel fernsehen, eine zweite Person lieber Musik hören und dazu kochen. Alles findet im selben Raum statt, Spannungen entstehen … So kann offener Wohnraum zu Beengung führen. Das kann durch eine gute Inneneinrichtung entschärft werden: Sie ist im Idealfall so gestaltet, dass es Rückzugsorte gibt, aber auch Orte, die dazu einladen, aufeinander zuzugehen.

… erst recht, wenn die Menschen viel mehr Zeit zu Hause verbringen als sonst, oder?

Genau. In einem Jahr wie 2020 merkt man am besten, ob man sich wohlfühlt in der Wohnung.

Was empfehlen Sie bei solchen Konfliktsituationen? Ein Wohnungswechsel ist ja nicht unbedingt die einfachste Lösung …

Ich empfehle, dass sich die Familienmitglieder, Paare oder WG-Freund*innen abgetrennte Zonen schaffen, in denen sie ihr eigenes Reich haben. Das kann durch Paravents, Vorhänge, Gestelle oder auch Zimmerpflanzen geschehen. Letzteres spricht übrigens auf ein anderes, uraltes Grundbedürfnis der Menschen an: die Verbindung zur Natur zu spüren.

Ist die Nachfrage nach wohn­psychologischen Beratungen gestiegen?

Im Gegensatz zur Farbpsychologie fristet die Wohnpsychologie ein stiefmütterliches Dasein. Allerdings wurden im Pandemiejahr Aspekte der Wohnpsychologie prominent in den Medien behandelt. Die Art des Wohnens stellte viele vor Herausforderungen, auch wegen der Vorgabe zum Homeoffice. Zudem gab die neue grüne Welle, die seit 2019 über uns rollt, der Wohnpsychologie unsere Verbundenheit mit der Natur betreffend einen Schub. Die Auseinandersetzung mit dem Wo und Wie des Wohnens lohnt sich!

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