Von Rohren und Schnüren

Text: Michael Wyss | Bilder: zVg

Stahlrohrstühle mit einer Bespannung aus PVC-Schnur sind in der Schweiz im Aussenbereich oft gesehen. Kein Wunder, denn gleich mehrere Hersteller ­widmen sich hierzulande den ­sogenannten Spaghettistühlen.

Bald kommt der Frühling. Mit seinem Eintreffen erwacht nicht nur die Natur. Er kurbelt ebenso den Verkauf von Gartenmöbeln und -accessoires an. Dies hätte in den nächsten Tagen mit der Giardina in Zürich manifestiert werden sollen. Aus bekanntem Grund fällt die Messe dieses Jahr jedoch weg.

Der Design-Klassiker Spathettistuhl
Zeit also, uns in Ruhe einem Schweizer Gartenmöbelkassiker zu widmen: dem Spaghettistuhl. Er existiert seit rund 60 Jahren und wird zuweilen noch genauso hergestellt wie damals. Zwar sind die händischen Stahlrohr-Biegemaschinen inzwischen durch Automaten oder Halbautomaten abgelöst worden und die «Spaghetti» aus einer PVC-Mischung werden kaum mehr in der Schweiz produziert. Doch formal hat der in unzähligen Gartenrestaurants, aber auch in privaten Gärten anzutreffende Stuhl nichts an Wert verloren, was ihn zum Design-Klassiker erhebt.

Viereinhalb Meter Stahlrohr und 60 Meter Schnur
Beim klassischen Spaghettistuhl handelt es sich um eine Konstruktion aus gebogenem, meist feuerverzinktem Stahlrohr mit einem Durchmesser in der Grössenordnung von 20 Millimetern. Um das Stahlrohr wird an der Sitzfläche und der Rückenlehne eine PVC-Schnur im Zickzack aufgewickelt. «Deshalb nannte man diese Stühle auch einfach Schnurstühle», weiss René Bättig aus seiner Jugendzeit zu erzählen, als er mit seinem Bruder selbst solche Stühle bespannt hatte. Man habe bei dieser Arbeit immer zu zweit sein müssen, erklärt er. Einer habe den Stuhl gehalten, der andere die im heissen Wasser geschmeidig gemachte PVC-Schnur abgewickelt und den Stahlrohrrahmen bespannt. Durch die Hitze dehnte sich die Schnur aus, sodass die Bespannung nach dem Abkühlen richtig straff war. Für die Sitzfläche benötigte man in etwa vierzig Meter Schnur, für die Rückenlehne deren zwanzig. Zudem bestand ein Schnurstuhl aus ungefähr viereinhalb Metern Stahlrohr.

Perfekt unperfekt
Das dürfte heute nicht viel anders sein, egal für welches Modell man sich entscheidet – und Modelle gibt es hierzulande viele. Da­runter auch einige «einheimische», also solche, die noch immer teilweise in der Schweiz hergestellt werden; beispielsweise in der Firma Anteprima Concept AG. Sie führt die Schnurstühle von Bättig unter dem Label Manufakt weiter. Die Stühle sind bewusst ein wenig «unperfekt», da jeder Stuhl mehr oder weniger handwerklich gemacht wird und demzufolge ein Unikat ist. Unperfekt und gerade daher doch perfekt – das klingt doch irgendwie sehr schweizerisch.

Schweiz von Anfang an vorne mit dabei
Dabei entstamme der Spaghettistuhl in seiner Urform nicht per se einer schweizerischen Feder, sondern sei in den Nachkriegsjahren als kostengünstiger Stuhl mancherorts konzipiert worden, sagt Fabio Dubler, Inhaber vom H100-Möbelhaus/Bogen33 in Zürich. Er führt eine eigene Version des Spaghettistuhls im Sortiment – zudem einen «Lounger», der nach eigenen Angaben «besonders bequem» sein soll. Fabio Dubler lässt die Stühle im Thurgau und dem Aargau produzieren. Erhältlich sind die diversen Modelle mit oder ohne Armlehnen und einer Bespannung in über 33 harmonierenden Farben. Wie dem auch sei, die Schweizer waren schon früh vorne mit dabei, als es darum ging, Stühle in diesem System herzustellen. Unter ihnen die Schaffner AG aus Müllheim, gegründet von Peter Schaffner im Jahr 1954. Er habe als einer der Ersten begonnen, Gartenstühle aus Stahlrohr industriell zu produzieren, heisst es in einer Firmenmitteilung. Heute wird das Modell «Säntis» als Klassiker verkauft. Sein Gestell ist feuerverzinkt und per Aufpreis in neunzehn verschiedenfarbigen Pulverbeschichtungen erhältlich. Zudem kann bei der Spaghettiversion aus 14 Schnurfarben ausgewählt werden, was so einiges an Gestaltungsspielraum bietet. Seit Kurzem ist beim thurgauischen Gartenmöbelproduzenten der «Säntis» auch als Kufenstuhl erhältlich. Ein ähnliches Modell mit Kufen gibt es auch von Manufakt. Ganz neu ist bei der Zürcher Manufaktur allerdings das Modell 10 mit einem Gestell in Messing oder Bronze und einer transparenten Schnurbespannung erhältlich. Dieser Stuhl wurde extra für den Innenbereich konzipiert. Wegen seiner galvanisierten Oberfläche ist er nicht in erster Linie zum Stapeln gedacht.

Der Stuhl auch als Liege
Ebenfalls zu moderner Einrichtung passt die Spaghettiliege vom Hersteller Embru. Der zusammenlegbare Altorfer-Liegestuhl 558 wurde im Jahr 1948 von Huldreich Altorfer, dem Sohn des damaligen Direktors der Fabrik Embru in Rüti, entworfen. Das Gestell war schon damals feuerverzinkt, was gegen den Rost zu schützen vermochte. Die Liegefläche und die Armlehnen waren mit wetterbeständigen Plastikkordeln in sechs Farben bespannt und umwickelt. Zwischenzeitlich überarbeitete die Firma die Liege, und seit da existiert sie in heutiger Form – mit 160 Metern Kunststoffschnur – in sechs Stunden Handarbeit bespannt. Seit Ende der Neunzigerjahre führt Embru auch den «normalen» Spaghettistuhl im Sortiment. Und seit ungefähr zehn Jahren einen stapelbaren Altorfer Loungestuhl.

Viele Gründe, um als Klassiker zu gelten
Wieso der Schnurstuhl zum Schweizer Klassiker avanciert ist, dürfte mehrere Gründe haben. Für Schaffner ist es unter anderem die gute heimische Qualität, die dazu beigetragen hat. Für Manufakt ist es zudem wie erwähnt das Unperfekte. Und für Embru mit dem Altorfer Liegestuhl stehen das angenehme Liegegefühl, die robuste Ausführung sowie die zeitlose Formensprache im Zentrum. Letztere ist durch die Kraft der «guten Form» untermauert worden, die der Spaghetti­liege 1964 durch den Schweizerischen Werkbund verliehen wurde. Auch die Wiederbespannbarkeit könnte eine Rolle gespielt haben. Nicht zuletzt sind es mehrere Akteure, die in der Schweiz dem Stuhl mit den Schnüren Tag für Tag industriellen, handwerklichen und verkäuferischen Nachdruck verleihen.

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