Ungewöhnliche Möbel für ungewöhnliche Zeiten

Text: Michael Wyss | Bilder: zVg

Die eigenen vier Wände haben in den letzten Monaten an ­Bedeutung gewonnen. Neue Wohnbedürfnisse haben auch neue Möbelkreationen hervorgebracht, die sich unseren veränderten Lebensumständen flexibel anpassen.

Wenn Corona einschlägt wie ein Hammer und damit nicht das Bier gemeint ist, dann gehen die Schweizer*innen kaum mehr auf die Strasse, und wenn, dann zuweilen nur mit der Schutzmaske. Was bleibt, ist erheblich mehr Zeit, um drinnen zu sein. Kein Wunder also, dass die Möbelbranche das Virus gefühlt kaum zu spüren bekommt, ja zuweilen sogar Rekordumsätze erzielen kann oder jedenfalls das Versäumnis des Frühlings im Sommer bereits wieder kompensiert hat.

Eine Hommage an das Möbeldesign
Erstaunlicherweise sind auch neue Möbel kreiert und lanciert worden, obwohl die primären Verkaufsplattformen in Form von Messen reihenweise weggefallen sind und immer noch wegfallen. Die Rede sei hier von Möbeln, welche das Zeug zum Klassiker haben, vielleicht gerade, weil sie wegen der speziellen Umstände entstanden sind; um ihnen zu trotzen, um das Büro in den Wohnraum zu bringen oder um durch ihre Schönheit oder Poesie einfach das Leben im «Interieur» aufzuheitern. Da wäre zum Beispiel der DS-707 von de Sede. Der Name reiht sich ein in die firmeneigene Typologie der Produktnamen, insofern kommt er so unspektakulär daher wie mancher vorhergehende geniale Entwurf der Klingnauer Manufaktur. Doch der Sessel des kanadischen Designers Philippe Malouin ist gemäss dem Urheber eine Mischung aus Brutalismus und der postmodernen Ära des Schweizer Möbeldesigns. Mit der an Serpentinen erinnernden Form ist er ein Sitzmöbel, das nicht nur mit seiner selbstverständlichen «desedianischen» Gemütlichkeit, sondern auch als Skulptur sicherlich manchen Daheimgebliebenen erfreuen dürfte. Oder, um es in den Worten von de Sede zu sagen: eine Hommage an das Möbeldesign.

Ein Esstisch, der auch Bürotisch sein kann (und will)
Eine Art Hommage an die höhenverstellbaren Bürotische ist die Entwicklung von der Firma Sitzplatz: «Wir nennen ihn Altura», sagt Urs Steinemann von der Sitzplatz Schweiz AG in Wolhusen. Die Rede ist von einem höhenverstellbaren Esstisch oder Wohnzimmertisch. Das Prinzip der Höhenverstellung dürfte in diesem Bereich noch kaum gesehen worden sein. Der Vorteil: Wenn am Esstisch gearbeitet werden muss oder will, so kann man diesen auch in ein Stehpult umfunktionieren. Die differenzierte Höhengestaltung ermöglicht nicht nur das Arbeiten im Stehen, sondern auch eine Adaption an die am Tisch essenden Personen oder das Organisieren eines Steh-Apéros. Eine Herausforderung sei gewesen, die Technik quasi unsichtbar unterzubringen, sodass sich der Tisch auch tatsächlich im Wohnbereich sehen lassen könne, so Urs Steinemann.

Tanzende Wände für das flexibel ­abtrennbare Homeoffice
Doch nicht nur das Homeoffice verändert sich in diesen unsicheren Zeiten. Auch das Büro der Zukunft entwickelt sich schneller als von manchen gedacht. Nicht von ungefähr organisierte Vitra kürzlich ein Webinar, das sich dieser Veränderung widmete. Und mit dem Trennwandsystem «Dancing Walls» vom Designbüro Hürlemann aus Zürich führt der Schweizer High-End-Produzent auch gleich ein Produkt, das dem Thema gerecht wird. Die Dancing Walls sind grob gesagt Stellwände auf Rädern, welche einerseits verschoben, andererseits auch individuell bestückt werden können. Die Entwicklung wäre wohl sowieso in einigen Jahren in diese Richtung gegangen, sagt Stephan Hürlemann in einem Film im «Vitra Magazin» zu der Sache. «Dass so schnell ein Stresstest kommt, hätten wir aber nicht gedacht.» Also wird aus dem flexibel veränderbaren Büro kurzerhand das flexibel abtrennbare Büro – ganz im Sinne der vom BAG verordneten Abstandsregel.

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