Spielwiese der optischen ­Manipulation

Text: Philipp Bürkler

Weisse Wände in Wohnungen und Büros sind definitiv out. Farben und natürliche Materialien werden ­Innenräume verändern, sagt die Farb- und Lichtgestalterin Sibylle Prestel. Die Zürcherin hat in ihrem Leben schon in unterschiedlichsten Berufen gearbeitet. Licht und Farbe sind jedoch ihre Berufung. 

Wie stark beeinflussen die Corona-Pandemie und die drohende Klimakatastrophe unsere Farbwahrnehmung? Eine Frage, die sich nicht eindeutig beantworten lässt. Dennoch stellt die Farb- und Lichtgestalterin Sibylle Prestel seit einiger Zeit einen Trend in Richtung natürlicher Oberflächen wie Kalk und Lehmputze sowie Grüntöne fest, wenn es darum geht, Innenräume neu- oder umzugestalten. Auch die Popkultur scheint diesen Trend aufgenommen zu haben. «Im Fernsehkrimi ‹Tatort› oder auch in Spielfilmen dominiert die Farbe grün, weisse Wände gibt es dort praktisch keine», stellt Prestel fest. Eine interessante Beobachtung. «Die Menschen wollen eher wieder weg von weissen Wänden, hin zu mehr Farbe.» 

Tatsächlich ist Weiss seit den 1980er-Jahren die dominierende Farbe in Wohnungen und Büros. Wahrscheinlich 99 Prozent aller Innenräume sind weiss gestrichen. Dieser langjährige Trend könnte nun ein Ende haben. Die Farbe einer Wand hat auch Einfluss da­rauf, wie natürliches oder künstliches Licht von ihr reflektiert wird. «Weisse Wände reflektieren das Licht fast vollständig und drängen Möbel und Gegenstände in den Hintergrund», erklärt Sybille Prestel. Farblich bewusst zurückgenommene Wände dagegen bremsen das Licht und die Objekte im Raum kommen deshalb stärker zum Ausdruck. Farbe und Licht: Nur im Zusammenspiel und in aufeinander abgestimmter Intensität entfalten die beiden Elemente ihre Wirkung und schaffen entsprechende Stimmungen in einem Raum. Als Farb- und Lichtgestalterin könne sie Räume optisch «manipulieren». Dieses Spiel mit der Manipulation sei das Faszinierende an diesem Beruf, schwärmt Sybille Prestel. 

Ein spannender Beruf, zu dem sie jedoch erst über einige Umwege und Erkenntnisgewinne gefunden hat.

Von der Farbe zum Licht

In den 90er-Jahren arbeitete Sybille Prestel als junge Frau unter anderem als Snowboardlehrerin oder als Redaktions- und Produktionsassistentin bei privaten Fernsehsendern. Erstmals mit Raumgestaltung in Berührung gekommen ist sie durch Szenographie während ihrer Arbeit als Projektleiterin im Eventbereich. Im Haus der Farbe in Zürich schloss die vielseitig interessierte Frau 2006 einen dreijährigen Diplomlehrgang als Farbgestalterin ab. Ihre ersten Abnehmer für Farbkonzepte als freischaffende Farbgestalterin fand sie zu Beginn vor allem in ihrem Freundeskreis. Sybille Prestel realisierte relativ rasch: Raumgestaltung ist viel mehr ist als nur der Einsatz von Farben und Materialien. Genauso wichtig ist die Beleuchtung. 

Das Schlüsselerlebnis hatte sie 2010. «Ich erstellte damals das Farbkonzept für einen Innenarchitekten und verwendete eher dunkle Farben. Sein Lichtkonzept passte gar nicht zur gewünschten Raumstimmung. Ich war enttäuscht», verrät Sybille Prestel. Diese Erkenntnis bewog sie 2012 dazu, zusätzlich zur Farbgestaltung, eine Ausbildung für «Professionelle Lichtplanung in der Architektur» an der ZHAW Winterthur zu beginnen. Die Ausbildung habe ihr geholfen, die Zusammenhänge von Licht und Farben besser zu verstehen und ihren Blick zu schärfen. Gleichzeitig habe die Ausbildung auch ihre Wahrnehmung von Räumen verändert. Beispielsweise öffentliche Gebäude, in denen Licht und Farben nicht harmonisch aufeinander abgestimmt sind, fielen ihr heute sofort ins Auge, erklärt die Gestalterin. «Ich denke oft, oh je, was haben die hier gemacht? 

Das ist Déformation professionnelle», sagt Sybille Prestel lachend. Es gebe aber auch gute Beispiele in der Schweiz. Viele Schulhäuser seien mittlerweile durch die Farb- und Lichtwahl ziemlich gut gestaltet. Generell fehle es jedoch in den Räumen der oft minimalistischen Bauweise der Gegenwart an Tiefenwirkung, weil teilweise alles perfekt ausgeleuchtet sei. «Licht wird oft zu intensiv eingesetzt, nach dem Motto ‹hauptsache hell›». Auch farblich würden Architekten oft zu starke Kontraste und zu satte Akzente setzen. Diese Überflutung der Reize hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung. «Je stärker die Helligkeitsunterschiede, desto herausfordernder ist das für die Augen.

Mehr Natürlichkeit und Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren

Um Farbe und Licht besser aufeinander abzustimmen, hofft Sybille Prestel künftig auf eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Architekturbüros sowie Licht- und Farbgestalter*innen bei Neubauten genauso wie bei Renovierungen. Auch beim Thema des nachhaltigen Bauens habe die Schweiz noch Nachholbedarf. Noch immer werde beim Bau zu wenig darauf geachtet, wie die Materialien nach einigen Jahren umweltschonend entsorgt werden könnten. Obwohl in der Schweiz noch nicht konsequent auf die CO2-sparende Kreislaufwirtschaft gesetzt wird, stellt Sybille Prestel hingegen einen Rückwärtstrend bei der Bearbeitung von Materialien fest, hin zu mehr Natürlichkeit. Seit einigen Jahren werden praktisch alle Materialien bearbeitet, gestrichen oder angepasst, «alles ist kubistisch, minimalistisch und nüchtern». Dies ändere sich derzeit, so Sybille Prestel. 

Es finde eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten statt, als Materialien in der Regel unbearbeitet und naturbelassen blieben. Die Entwicklung zu mehr Naturbezug und dezenter Farbe kommt Sibylle Prestel gelegen, weil die Natur in ihrer Arbeit zentral ist. Bäume, Pflanzen oder auch Steine dienen als Farbpalette und Ressource der Inspiration für die Gestaltung von Innenräumen. Und wenn selbst Fernsehkrimis traditionelle weisse Wände durch Farbe ersetzen und die Natürlichkeit entdecken, könnte dies tatsächlich der Beginn eines neuen Zeitalters in unseren Wohnzimmern und Büros bedeuten.

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